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Ultracycling: Warum Ultra-Radrennen so reizvoll sind
Dagegen wirken normale Etappen-Radrennen direkt langweilig: Lies, warum beim Ultracycling andere Regeln auf der Straße gelten & was seinen Reiz ausmacht!
- Auf einen Blick
Wär’ das was für dich: Die Strecke Flensburg-Garmisch in Deutschland drei Tagen mit dem Bike hinunterrasen – 1.100 Kilometer von Grenze zu Grenze! Im Juli 2025 ist es wieder so weit, wenn auf dieser Gewalttour die Deutsche Meisterschaft im Ultracycling ausgetragen wird. Dieses Jahr gibt es eine neue Startzeitkategorie. Wer es sich zutraut, kann abends in Flensburg starten und dann drei Nächte durchfahren. Mit dieser Race across Germany Tour stellt Deutschland unter Beweis, dass auch im Nachbarland Extremsportarten zu Hause sind. Seit 1999 wird dieser Radmarathon nun schon ausgerichtet und dient als Qualifikation für das Race across America RAAM. Das Ultracycling ist eine eigene Radsportdisziplin, die sich festen Regeln entzieht. Ultra-Rennen unterscheiden sich jedenfalls fundamental von typischen Etappenrennen wie der Tour de France oder dem Giro d´Italia.
So läuft es beim Ultracycling
Bei einem Ultra-Radrennen ist die Länge der Strecke nicht klar definiert. Sie kann wie in Deutschland 1.100 Kilometer oder wie beim RAAM sogar 5.000 Kilometer lang sein. Ist man erst einmal solo oder im Team gestartet, läuft die Zeit. Das Rennen gilt als absolviert, sobald man am Ziel angekommen ist. Zwischenzeiten werden höchsten an den als Timestations ausgewiesenen Punkten auf der Stecke genommen. Bei extrem langen Strecken hat sich die Zeitmessung ohnehin erledigt. Dann gilt nur ein Zeitlimit für die Gesamtstrecke – so wie die drei Tage bzw. Nächte von Flensburg nach Garmisch. Eindeutige Sieger sind bei dieser Variante der Ultra-Radrennen nicht zu verzeichnen. Dabei sein und Ankommen ist alles.
Ultra-Radrennen sind etwas für Individualisten
Es werden aber auch Ultracycling-Events mit Zeitmessung veranstaltet. Die Teilnehmenden treten dann gegen sich selbst an oder liefern sich Kopf-an-Kopf-Rennen mit anderen Ultra-Fans. Obwohl es durchaus Massenstarts gibt, sind die Athleten beim Ultracycling in der Regel auf sich allein gestellt: Jeder fährt sein eigenes Tempo, macht Pausen nach eigenem Gusto und schläft ein paar Stunden, wenn es sich nicht mehr vermeiden lässt. Viele Wettbewerbe sind deshalb auch nonsupported, werden also nicht von einem Unterstützer-Netzwerk begleitet. Das führt so weit, dass inzwischen auch Ultra-Radrennen ohne eindeutige Streckenvorgabe veranstaltet werden. Dann sind lediglich Checkpoints der Reihe nach anzusteuern. Auch wenn das Ultracycling den Charakter eines Rennens mit Zeitmessung hat, geht es trotzdem durch den öffentlichen Verkehr. Extra abgesperrte Rennstrecken sind ein Luxus, der bei Ultra-Turnieren fehl am Platz wäre.
Was Ultracycling so hart macht
Ultra-Radrennen leben von den einzigartigen Herausforderungen. Das sind die größten Knackpunkte:
- Mangelhafte Vorbereitung: Neben physischer Fitness und mentaler Stärke spielen auch Ausrüstung und Verpflegung eine wichtige Rolle. Und man sollte schon wissen, ob man beim Ultracycling lieber aufs Rennrad steigt oder wie viele Profis ein Gravel-Bike bevorzugt.
- Unzureichende Ernährung: Ultra-Radrennen brauchen enorm viel Energie. Die Fahrer und Fahrerinnen müssen sich etwas einfallen lassen, um diesen Bedarf über mehrere Tage zu decken – vor allem dann, wenn sie auf einem Nonsupported-Event mitfahren wollen.
- Schlafmangel: Schlafen kostet Zeit. Also versuchen die Athleten auf die eine oder andere Weise, möglichst lange Strecken einfach durchzufahren. Das Problem: Schlafmangel reduziert das Leistungsvermögen, begünstigt Orientierungsprobleme und kann zu Halluzinationen führen.
- Negative Bedingungen: Man braucht beim Ultracycling jede Menge Glück. Nächtliche Temperaturstürze, Baustellen, Überschwemmungen, knackige Anstiege und weitere Faktoren können die Strecke zur Tortur machen.
- Psychische Erschöpfung: Wer über mehrere Tage am Limit fährt, braucht eine beinharte mentale Verfassung. Man sollte einen Plan für das Rennen haben und sich an einer individuellen Strategie festhalten können. Wenn unterwegs bei WC und Duschen Fehlanzeige ist, müssen auch solche Runterzieher durchgestanden werden.
Dein eigener Ultracycling-Trainingsplan
Die Teilnahme an einem Ultra-Radrennen steht allen frei, die sich so etwas zutrauen. Ultracycling- und Bikepacker-Foren bieten dir praktische Anhaltspunkte, wie du dein ganz persönliches Training gestalten kannst. Das sollte auf jeden auf einem Ultracycling-Trainingsplan stehen:
- Kräftezehrende VO2Max-Einheiten im Wechsel mit Grundlagenausdauer
- Im Winter Rollentraining – im Frühjahr Ausfahrten über mehrere Hundert Kilometer am Tag
- Viele Stunden auf dem Bike unter freiem Himmel bleiben – ungeachtet Wind und Wetter
- Lernen, das technische Einmaleins zu beherrschen (z.B. Schläuche wechseln)
- Sich mit der Strecke des nächsten Ultra-Radrennens vertraut machen
- Das eigene Bike funktionstüchtig halten
Mehr dazu findest du in diesem Beitrag auf Bikepackers, der dir einen genaueren Überblick zur Vorbereitung aufs Ultracycling gibt und in diesem Beitrag auf Trainingspeaks, in dem du einen umfassenden Ultracycling-Trainingsplan findest.

Ultracycling: die Stars und Rennen
Einige der bekanntesten Ultra-Radrennen werden von der World Ultra Cycling Association (WUCA) ausgeschrieben. Es gibt aber noch weitere nationale oder kontinentale Ausrichter. Ein Star der Ultracycling-Szene ist die US-Ausnahmeathletin Lael Wilcox, die als erste Frau das Trans Am-Radrennen durch die USA gewann. Weil die Streckenführung oft durch die Wildnis geht, konnte sie immer wieder von ihren Bikepacking-Fähigkeiten profitieren. Internationaler Berühmtheit erfreut sich auch Jana Kesenheimer aus Horb-Mühringen, die erstmals beim Three Peaks Bike Race 2021 allen anderen davonfuhr. Längst eine Kultfigur ist Stefan Barth. Ultracycling gehört für ihn zum unverzichtbaren Lifestyle. Es lohnt sich, den heutigen Ultra-Rennen- und Bikepacking-Coach auch über seine Bücher und Auftritte kennenzulernen. Und dies ist eine Auswahl der beliebtesten Ultra-Radrennen weltweit:
- Trans Am Bike Race (6.800 Kilometer)
Das Rennen verläuft am TransAmerica Bicycle Trail entlang einmal quer von Küste zu Küste der Vereinigen Staaten. - Race Across Amerika (5.000 Kilometer)
Das RAAM gilt als das härteste Radrennen der Welt. Anders als das Trans Am Bike Race ist es supported und führt von der US-West- zur Ostküste. - Transcontinental Race (ca. 4.000 Kilometer)
Die Streckenplanung dieses unsupported Ultra-Radrennens durch Europa muss von den Bikern selbst organisiert werden. Die Route führt oft durch sehr abgelegene Regionen. - Paris-Brest-Paris (1.200 Kilometer)
Alle vier Jahre wird das PBP mit einem 90-Stunden-Zeitlimit in Frankreich ausgetragen. - Race Across Germany (1.100 Kilometer)
Das wichtigste Ultracycling-Event Deutschlands ist ein Doppelereignis: Es findet auf der langen Strecke Flensburg-Garmisch sowie auf der kürzeren Strecke von Aachen nach Görlitz statt. - Silk Road Mountain Race (2.000 Kilometer)
Dieses Ultracycling-Bikepacking-Rennen ist unsupported und kämpft sich durch die wilde Bergwelt Kirgisistans über das Hochgebirge an der Seidenstraße.
- FAQ
Häufig gestellte Fragen zum Ultracycling
Was ist Ultracycling?
Ultracycling ist eine spezielle Disziplin im Radsport, bei der extrem lange Distanzen ohne feste Etappen in einem durchgehenden Rennen zurückgelegt werden. Die Rennen können mehrere Hundert bis Tausende Kilometer lang sein.
Wie unterscheidet sich Ultracycling von klassischen Radrennen?
Im Gegensatz zu klassischen Etappenrennen wie der Tour de France gibt es beim Ultracycling meist keine festgelegten Etappen. Die Zeit läuft durchgehend, und Pausen oder Schlafenszeiten müssen individuell eingeplant werden. Zudem sind viele Ultracycling-Events unsupported, das heißt, die Fahrer sind auf sich allein gestellt.
Was passiert im Körper beim Ultracycling?
Der Körper wird beim Ultracycling extrem gefordert. Folgende Prozesse laufen ab:
- Energieverbrauch: Die Muskulatur verbrennt riesige Mengen an Kalorien, primär aus Kohlenhydraten und Fetten.
- Muskelabbau: Längere Belastungen führen zum Muskelabbau, wenn nicht genug Nahrung aufgenommen wird.
- Hormonelle Anpassungen: Stresshormone wie Cortisol steigen an, während regenerative Prozesse durch den Schlafmangel beeinträchtigt werden.
- Mentale Erschöpfung: Der Körper muss sich ständig an neue Bedingungen anpassen, wodurch Konzentration und Entscheidungsfähigkeit nachlassen.
Welches Bike für Ultracycling?
Das ideale Ultracycling-Bike hängt von der Strecke und den Vorlieben des Fahrers ab:
- Rennrad: Für asphaltierte Strecken mit hoher Geschwindigkeit.
- Gravel-Bike: Eine beliebte Wahl, da es Komfort und Geschwindigkeit kombiniert und sich für gemischtes Terrain eignet.
- Zeitfahrrad: Wird selten genutzt, da es für lange Strecken oft zu unbequem ist. Wichtig ist eine komfortable Geometrie, gute Ergonomie und genügend Möglichkeiten zur Gepäckaufnahme.
Was sind die bekanntesten Ultracycling-Rennen?
- Race Across America (RAAM) – 5.000 km durch die USA
- Transcontinental Race – unsupported durch Europa
- Race Across Germany – 1.100 km von Flensburg nach Garmisch
- Trans Am Bike Race – 6.800 km von Küste zu Küste durch die USA
- Paris-Brest-Paris – 1.200 km in Frankreich
- Silk Road Mountain Race – 2.000 km durch Kirgisistan
Gibt es spezielle Regeln im Ultracycling?
Ultracycling hat oft wenig feste Regeln, aber einige Grundprinzipien:
- Zeit läuft ohne Unterbrechung
- Keine Begleitfahrzeuge bei unsupported Rennen
- Navigation meist eigenverantwortlich
- Kein Windschattenfahren außer in Teamrennen
Wie trainiert man für ein Ultracycling-Rennen?
- Regelmäßige Langstreckenfahrten (mehrere Hundert Kilometer)
- VO2Max-Training zur Verbesserung der Sauerstoffaufnahme
- Simulieren von Nachtfahrten und langen Belastungen
- Technische Fähigkeiten wie Reifenwechsel und Notfallreparaturen üben
- Mentale Vorbereitung durch Simulation von Rennsituationen